Pressemitteilung 2021/136 vom

Die Arktis erwärmt sich stärker als andere Regionen der Erde. Wie tragen arktische Eiswolken konkret dazu bei? Kondensstreifen-Zirren haben eine größere Klimawirkung in der Bilanz des Luftverkehrs als Kohlendioxid. Bei welchen Wettersituationen lassen sie sich vermeiden und zu welcher Tageszeit wirken sie möglichst wenig wärmend für eine klimafreundliche Flugplanung? - Diesen Fragen gehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Leipzig und anderer Forschungseinrichtungen jetzt auf den Grund. Sie fliegen mit dem Forschungsflugzeug HALO mit umfangreicher Wolkenmessinstrumentierung von Mitteleuropa bis in die Arktis. Rund 25 Flüge sind geplant. Schwerpunkte sind die Themen Luftfahrt, Atmosphärenforschung und klimafreundliches Fliegen.

Je nach Sonnenstand, Tageszeit und Eigenschaften wirken die dünnen hohen Zirruswolken in der Arktis überwiegend wärmend. Bislang gibt es allerdings kaum direkte Zirren-Messungen in hohen Breiten und Klimamodelle berücksichtigen diese unzureichend. Im Juli 2021 fliegt das deutsche Forschungsflugzeug HALO  unter anderem in Richtung Nordeuropa und Arktis. Ziel ist es, den Beitrag der Zirruswolken zur besonders starken Erwärmung dieser Region besser zu verstehen. Zudem nimmt das 70-köpfige Forschungsteam die Effekte des Luftverkehrs im stark beflogenen Mitteleuropa in den Blick. Die Forschenden untersuchen, zu welcher Tageszeit die Kondensstreifen-Zirren möglichst wenig wärmen und ob sie sich in bestimmten Wettersituationen vermeiden lassen. Dies könnte für eine zukünftige klimafreundliche Flugplanung von enormem Wert sein. Neben dem Leipziger Institut für Meteorologie (LIM) der Universität Leipzig und dem Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) sind sieben weitere Atmosphärenforschungsinstitute und Universitäten an der Mission CIRRUS-HL (CIRRUS in High Latitudes) beteiligt. Ausgangspunkt ist der Standort Oberpfaffenhofen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

„Die kalten hohen Eiswolken werden durch anthropogene Schadstoffe und den Luftverkehr verändert. Welche Rolle sie für die verstärkte Erwärmung der Arktis spielen, ist eine bislang ungeklärte Frage“, sagt die wissenschaftliche Koordinatorin der Mission, Prof. Christiane Voigt vom DLR-Institut für Physik der Atmosphäre und der Universität Mainz. „Zudem ist die Reduzierung der Klimawirkung des Luftverkehrs ein sehr aktuelles Forschungsthema. Wegen ihrer relativ kurzen Lebensdauer ist die Verringerung und Vermeidung von Kondensstreifen-Zirren ein vielversprechender Ansatz, um den Luftverkehr klimafreundlich zu gestalten.“

Insgesamt sind rund 25 HALO-Flüge im Rahmen von CIRRUS-HL geplant. „Die Flugrouten verlaufen in acht bis 14 Kilometer Höhe unter anderem bis in die Nähe von Spitzbergen und Grönland, aber auch über Zentraleuropa, Spanien, Skandinavien und Island“, sagt Andreas Minikin von der DLR-Einrichtung Flugexperimente, die für den Betrieb von HALO, einer Gulfstream G550, verantwortlich ist. Das Flugzeug trägt für die Mission eine umfangreiche Messinstrumentierung zur Fernerkundung von Wolken und Kondensstreifen. Das Leipziger Institut für Meteorologie trägt mit Instrumenten zur Vermessung des Energiebudgets ober- und unterhalb der Zirren bei. „Gerade die Messungen unterhalb der Wolken, wenn die Instrumente die Transmissivität der Zirren vermessen, sind eine einmalige Chance der HALO Flüge. Solche Messdaten bekommt man einfach nicht von den üblichen Satelliten- und Bodenmessungen“, berichtet Dr. André Ehrlich, einer der sechs beteiligten Forschenden der Universität Leipzig. Beim Flug in die Wolken und Kondensstreifen werden zusätzlich Eispartikel und Wassertropfen hochpräzise durch Wolken-Instrumente an den Flügeln von HALO charakterisiert. Ebenso erfassen Instrumente atmosphärische Spurengase und Aerosolpartikel. Die Forschungsflüge werden durch Satellitenbeobachtungen der Eiswolken und Simulationen mit Computermodellen ergänzt.

Kondensstreifen-Zirren

Kondensstreifen und daraus resultierende Eiswolken tragen mehr zum Klimaantrieb durch den Luftverkehr bei als dessen Kohlendioxid-Emissionen seit Anbeginn der Luftfahrt. Flugzeugtriebwerke stoßen unter anderem Rußpartikel aus. Diese wirken als Kondensationskeime für kleine unterkühlte Wassertropfen, die sofort zu Eiskristallen gefrieren und als Kondensstreifen am Himmel sichtbar werden. Die Eiskristalle der Kondensstreifen können bei feucht-kalten Bedingungen in Höhen von etwa 8 bis 12 Kilometern mehrere Stunden bestehen.

In der aktuellen Mission messen die Forschenden, wieviel Wärmestrahlung der Erde von den Kondensstreifen- Zirren in der Atmosphäre gehalten wird und wieviel Sonnenstrahlung sie in den Weltraum zurück reflektieren. Daraus wollen sie genauer bestimmen, zu welcher Tageszeit die kühlende Wirkung durch Reflektion der Sonnenstrahlung am größten ist. Zudem wollen sie genauer verstehen, bei welchen Wetterbedingungen Kondensstreifen besonders stark auftreten. Aktuelle Studien haben gezeigt, dass nur eine geringe Anzahl von Flugrouten für etwa 80 Prozent des Klimaantriebs der Kondensstreifen verantwortlich ist. Ziel der HALO-Messungen ist es, die Vorhersage dieser Wettersituationen zu verbessern. Dies hilft zukünftig klimaschonende Flugrouten zu planen, die entweder die Kondensstreifen-Bildung umgehen oder diese nur zulässt, wenn die kühlende Wirkung überwiegt.

Arktische Zirren

Angelehnt an den vom LIM koordinierten Sonderforschungsbereich TRR 172 „Arktische Verstärkung“, liegt der Fokus der Leipziger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf den Arktischen Zirren. Natürliche Eiswolken entfalten in den hohen Breiten der Arktis durch den flachen Sonnenstand vor allem eine wärmende Wirkung. Die Wärmestrahlung von der Erdoberfläche wird durch Eiswolken wie von einem wärmenden Schal in der Atmosphäre zurückgehalten. Messungen von Eiswolken in großen Höhen in der wenig bewohnten Arktis sind eine Herausforderung. Daher gibt es so wenige experimentelle Daten in dieser Region. „Wir sind gespannt, welche Anzahl, Größe und Formen an Eiskristallen wir in diesen Wolken messen werden“, erklärt Prof. Christiane Voigt vom DLR. „Die Eigenschaften der Eiskristalle haben eine deutliche Auswirkung auf ihren Strahlungsantrieb.“ Während der Mission detektieren die Forschenden einen „Zoo“ an Säulchen, Plättchen und anderer komplexerer Eiskristallformen. Hier setzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Leipzig ihre Forschungsarbeiten an. „Wir werden unsere Messungen des Strahlungsantriebs mit den Simulationen von operationellen Wettervorhersagemodellen vergleichen und testen, wie groß der Einfluss der Eiskristallform auf diese Modelle ist“, erklärt Johannes Röttenbacher, Doktorand am LIM und derzeit in Oberpfaffenhofen zur Betreuung der Leipziger Messgeräte.

Kleine Eiskristalle - große Klimawirkung

Bereits im Rahmen der Vorgängermission ML-CIRRUS (Mid-Latitude CIRRUS) zeigte sich, dass die Eiskristalle natürlicher Zirruswolken im Mittel mehr als zehnmal so groß sind wie die Eiskristalle in Kondensstreifen-Zirren (2-10 Mikrometer). Dabei ist die Anzahl der Eiskristalle in Kondensstreifen-Zirren deutlich höher und damit auch ihre Klimawirkung gegenüber natürlichen Zirrus-Wolken mit demselben Eiswassergehalt. Nun erwarten die Forschenden auch bei den Partikelformen Unterschiede zwischen Kondensstreifen und natürlichen Zirren.  

CIRRUS-HL: Gemeinsame Mission vieler Forschungsinstitute

Die Finanzierung von CIRRUS-HL erfolgt anteilig durch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) innerhalb des Infrastruktur-Schwerpunktprogramms für HALO (SPP 1294) mit den Universitäten Leipzig, Mainz und München (LMU), das Max-Planck-Institut für Chemie (MPI-C), das Forschungszentrum Jülich (FZJ), das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie durch das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS). Gezielte Wettervorhersagen werden von der Eidgenössischen Technische Hochschule (ETH) in Zürich entwickelt. Ergebnisse der aktuellen Mission CIRRUS-HL werden 2022 erwartet.

Über HALO

Das Forschungsflugzeug HALO (High Altitude and Long Range Aircraft) ist eine Gemeinschaftsinitiative deutscher Umwelt- und Klimaforschungseinrichtungen. Gefördert wird HALO durch Zuwendungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Helmholtz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), der Leibniz-Gemeinschaft, des Freistaates Bayern, des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), des Forschungszentrums Jülich und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).